Ich wohne in einer christlichen, fünf, manchmal sechs köpfigen Jungs WG. Zusammen mit einer Frauen WG und 2 Familien bilden wir eine christliche Lebensgemeinschaft mitten im Herzen Frankfurts, mit 2 wöchentlichen Hauskreisen, Aufgabenverteilung mit Leuten aus verschiedenen Kulturen und anderen Ländern, mit verschiedenen Glaubenshintergründen- und Richtungen. Überkonfessionell, zusammengewürfelt, total verschieden und doch eins in Jesus. Eine tolle Sache die ich immer mehr schätzen lerne und anfange mit „Hagoshrim – Dienste in Israel“ zu vergleichen. Im Prinzip ist das Leben dem in Israel sehr nahe. Hauskreise, Regeln und Leitlinien, WG Leben etc. erinnert mich täglich an die letzten 2 Jahre mit Hagsohrim zurück. Hier lebe ich in meinem Dachbodenzimmer, mit meinem Bett unter dem Sternenhimmel, noch ein wenig im Chaos aber es wird besser von Tag zu Tag, nur eine halbe Stunde von Uta, meiner Freundin entfernt (welch ein Luxus), 5 min Fahrt mit der S Bahn zur Universität und einer netten Gemeinde.
Damit wäre ich beim Thema. Universität und Studentenleben. Die erste Woche als Student habe ich überstanden, es ist herrlich und macht Spaß, natürlich haut es auch schon voll rein. 2 Jahre chill- und nichts Tuerei machen sich bemerkbar, Vokabel lernen ist schwierig, die Aufmerksamkeit ist nach einer Vorlesung fast verloren und die Deutschen erscheinen mir noch immer merkwürdig. Wie sich die Leute, die Studenten vor allem, geben und präsentieren. Nach dem Motto: „Wir wissen alles, können alles und sind einfach toll!“ Täglich muss ich darüber lachen, genauso wie über die Wirtschaftsstudenten die ebenfalls im 1. Semester studieren und schon mit Anzug und Aktentasche zur Uni kommen. Herzlichen Glückwunsch. Jeder Student ist irgendwie merkwürdig, entweder total alternativ, eingebildet oder einfach nur auf einem anderem Niveau als ich, so kommt es mir vor. Dann gibt es davon auch noch fast 40.000 Studenten in Frankfurt. Häufig bete ich, dass ich mich nicht auch in eine solche Richtung entwickle, abgehoben werde, mich höher stelle, mich super toll finde, mir etwas auf mein Wissen einbilde, andere nicht mehr beachte nur aufgrund meines Status als Student. Was ist es doch für ein großes Geschenk, das wir lernen dürfen. In Deutschland nicht nur umsonst sondern wir bekommen sogar noch Unterstützung vom Staat. Erzähle so was mal ein paar Leuten in Entwicklungsländern, die werden dich vielleicht auslachen weil es für einen Witz halten.
Natürlich gibt es auch total nette Leute und wenn man die Uni und den Campus als sein Aufgabenbereich von Gott betrachtet kann man auch schon wieder ganz anders und mit viel mehr Motivation an die Sache rangehen.
Motiviert für meine beiden Fächer bin ich auf jeden Fall. Lerne ordentlich hebräisch, Praktizieren kann ich es hier in Frankfurt auch ganz gut. Überall gibt es Israelis und Juden. Erst heute in der Schwimmhalle haben wir eine Familie aus Israel getroffen, letzte Woche waren auf einem Konzert von Idan Raichel fast ausschließlich nur hebräisch sprechende Menschen, es gibt die zweitgrößte jüdische Gesellschaft hier in Frankfurt mit großer Synagoge und israelischen Lebensmittelläden. Ich bin so motiviert, dass ich mir alle Termine, Übungen und Vorlesungen raus geschrieben habe und auch am Anfang alle besuchen wollte, solang es zeitlich möglich ist. So saß ich in einer Vorlesung über die Mishna. Komischerweise kannte ich niemanden. Keiner der Leute aus dem Kurs kam mir bekannt vor, alle die mit mir im Hebräischkurs saßen waren wohl zu spät oder fanden den Raum nicht, das war mir in 2 Tagen auch schon 2-mal passiert. Die Professorin kannte ich auch nicht, doch sie begann sofort mit ihrem Vortrag. Sie stellte sich kurz vor. Ich kam dann kaum mit weil sie so schnell war und so viel an die Tafeln schrieb. Sie schrieb immer mehr an, erklärte nebenbei, empfahl uns Bücher und machte Lust auf mehr. Irgendwann viel mir auf das sie bei einem hebräischen Wort einen Fehler gemacht hatte und ihn wohl keiner bemerkte und alle ihn abschrieben. Ich weiß auch nicht, automatisch oder intuitiv korrigierte ich sie und sagte, dass es so nicht stimmt. Die Worte kamen mir so schnell über die Lippen, dass ich erst danach merkte wie unhöflich ich mich wohl grade ausgedrückt hatte. Sie drehte sich mit ernstem Gesichtsausdruck zu mir um und betrachtete mich. Ein paar Leute lachten bereits. Ich wies sie erneut auf ihren Fehler hin, welcher eigentlich überhaupt nicht schlimm war. Sie wischte den einen einzigen falschen Buchstaben weg und schrieb den richtigen anstatt dessen hin. Dann wurde es mir Schlagartig bewusst was ich grade gemacht hatte und was die ganzen Leute im Raum jetzt dachten. Ich hatte schon vorher festgestellt, dass ich nicht im Anfängerkurs saß sondern die meisten Leute um mich herum ganz im Gegenteil kurz vor ihrem Examen standen. Ich war in einem vorgeschrittenen Kurs. Als die Professorin mich fragte wer ich sei und was ich in ihrem Kurs mache, sagte ich nur, dass ich im 1. Semester Judaistik sei. Alle lachten. Sie erwiderte: „Aber sich benötigen das Hebraicum um an dem Kurs teil zu nehmen und da sie noch keines haben dürfen sie nicht am Kurs teilnehmen, oder haben sie schon ihr Hebraicum?“ Ich antwortete nur: „Nein, ich habe kein Hebraicum!“ Alle um mich herum lachen noch mehr.
Ich verstand die Situation langsam. Nun ja, jetzt hatte ich als 1. Semester, an meinem 3. Tage an der Uni, in einem Kurs für Studenten der Judaistik die kurz vor Examen im letzen Semester stehen, ohne Hebraicum, die Professorin, welche mitten im Vortrag war und hebräische Texte der Mishna auseinander nahm ich einfach so in ihrem Vortrag mal unterbrochen, und das auch noch auf eine nicht besonders nette Art. Die Professorin muss sich wohl gedacht haben: „Wer ist dieser Kerl, warum unterbricht er mich und was hat der in meinem Kurs zu suchen? Was war ich froh, dass sie wenigstens wirklich einen Fehler gemacht hatte, sonst wäre es noch peinlicher geworden. Der Vortrag war erstmal unterbrochen. Am Ende der Vorlesung hatten wir beide noch ein Gespräch. Nun darf ich, obwohl ich noch im 1. Semester stehe und kein Hebraicum habe trotzdem ihren Kurs besuchen, ob es mir angerechnet wird weiß ich noch nicht aber allein aus Prinzip muss ich da jetzt einfach noch mal auftauchen. Sie meinte, dass wenn ich alle ihre Aufzeichnungen verstehe, die hebräischen Vokabeln abschreiben kann und mitkomme im Stoff hat sie nichts dagegen, denn so sagte sie mir am Schluss: „ So haben wir das früher auch immer gemacht, uns in irgendwelche Vorlesungen gesetzt und so am meisten gelernt. Warum das heute nicht mehr erlaubt ist weis ich auch nicht!“
Haha, was war ich erleichtert und froh das es ein glückliches Ende genommen hat. Jetzt darf ich neben den ganzen anderen interessanten Dingen die ich lerne auch noch einen extra Kurs belegen und noch mehr lernen. Gott ist so gut, dass er aus solchen blöden Situationen in die wir uns selbst reinreiten noch immer so was Tolles entstehen lässt. Ohne Gott wären wir echt verloren, nicht nur an der Uni. Gut das Er immer dabei ist.
Thomy, wie er sein Leben genießt :-)










